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"Wenn dein Schweigen zu einem Verbrechen wird"

22-05-2026
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Regisseur Jivan Avetisyan über seinen Film „Gate to Heaven“ (2019)

Am 9. Mai 2026, dem Tag der Befreiung von Schuschi, präsentierte die „Association of the European and Armenian Experts e.V.“ (AEAE) im Rahmen der deutsch-armenischen Kulturtage in Berlin im Kulturhaus Karlshorst den Film „Gate to Heaven“ („Tor zum Himmel“) des aus Arzach stammenden Regisseurs Jivan Avetisyan. Die Veranstaltung wurde vom Amt für Kultur und Weiterbildung des Bezirks Berlin-Lichtenberg, dem Kulturhaus Karlshorst und weiteren Institutionen unterstützt.

Der erste Vorsitzende von AEAE e.V., Mikayel Minasyan, begrüßte die Gäste und stellte Jivan Avetisyan kurz vor. Anschließend übergab er das Wort an den Ehrengast und Schirmherrn des Abends, den Bezirksbürgermeister von Berlin-Lichtenberg, Martin Schäfer. Dieser übermittelte auch die Grüße des weiteren Schirmherrn, Prof. Dr. Martin Pätzold, und rief die Anwesenden dazu auf, in diesen schwierigen Zeiten Hoffnung, Glauben und Liebe nicht zu verlieren und das Gute – die gegenseitige Solidarität – zu erkennen. Danach wurde der Film gezeigt.

„Gate to Heaven“ ist ein Drama, das während der Arzach-Kriege spielt, mit Richard Sammel, Tatiana Spivakova, Sos Janibekyan, Leo Pobedonostsevas und Naira Zakaryan in den Hauptrollen.

 

Über den Regisseur

Jivan Avetisyan wurde in Gyumri geboren, wuchs in Arzach auf und lebt heute in Jerewan. Im Jahr 2014 gründete er gemeinsam mit anderen die „Fisheye Art Cultural Foundation“ und ist derzeit deren Geschäftsführer. 2021 gründete er zudem die Produktionsfirma LifeTree Pictures LLC.

Jivan wuchs inmitten eines der konfliktreichsten Gebiete des Kaukasus auf und kennt die grausamen Folgen des Krieges aus nächster Nähe. Dennoch gab er seinen Traum und seine Leidenschaft für das Filmemachen nie auf. Sein Lebenstraum war es, Geschichten zu erzählen, sie festzuhalten und Arzach durch Filme der Welt bekannt zu machen.

Sein beruflicher Weg begann 1996 am W. Papazyan Dramatischen Theater in Stepanakert und setzte sich beim Fernsehsender „Yerkir Media“ fort. Er schuf mehr als 20 Dokumentar- und Kurzfilme und ist Regisseur international preisgekrönter Spielfilme.

Für das Berlinale Talents Programm 2020 wurde Jivan Avetisyan unter 3.400 Kandidaten ausgewählt.

Schon in seiner Kindheit in Arzach war Jivan von der Welt des Films fasziniert. Seine Liebe zum Kino begann im Dorf Khachmach am Rande von Stepanakert. 2015 erfüllte er sich einen Lebenstraum, als er dort seinen Film „The Last Inhabitant“ drehte, der auf HBO Eastern Europe gezeigt wurde und heute auf Prime verfügbar ist. In dem Film spielte der iranische Schauspieler Homayoun Ershadi, bekannt durch seine Rolle in „Taste of Cherry“ sowie durch die Hollywood-Filme „The Kite Runner“ und „Zero Dark Thirty“. „Taste of Cherry“ gewann 1997 die Goldene Palme in Cannes.

 

Inhalt des Films

Der deutsche Journalist Robert Sternvall (50) kehrt im Jahr 2016 nach Arzach zurück, um über den Krieg zu berichten, der nach 22 Jahren Waffenstillstand erneut ausgebrochen ist.

Während seiner journalistischen Recherchen lernt er die junge Opernsängerin Sophia Marti (35) kennen. Sie ist die Tochter des vermissten Fotojournalisten Edgar Martirosyan, den Robert 1992 nach dem Fall des Dorfes Talish in Gefangenschaft zurückgelassen hatte.

Die häufigen Begegnungen zwischen Robert und Sophia entwickeln sich zu einer leidenschaftlichen Liebesaffäre, die schließlich zur Enthüllung von Roberts schrecklicher Tat gegenüber Edgar Martirosyan führt. Robert gesteht daraufhin sein karriereorientiertes Verhalten, sein Schweigen über Edgars Tod und die Ausnutzung von Edgars Fotografien und bittet um Vergebung.

 

Diskussion mit dem Regisseur

Nach der Filmvorführung fand eine Diskussion statt.

Auf die Frage eines Besuchers antwortete Jivan Avetisyan:

„Natürlich verspüre ich großes Heimweh und wünsche mir, in meine Heimat zurückzukehren. Aber je stärker meine Sehnsucht wird, desto mehr erkenne ich, dass ich noch viel Arbeit vor mir habe.“

Auf die Frage, ob der Zeitungsartikel, auf dem die Handlung des Films basiert, tatsächlich wahr sei, antwortete er:

„Ich zweifle nicht an der Wahrheit des Geschehens. Aber selbst wenn es nur ein kleiner, vielleicht sogar erfundener Artikel gewesen wäre, der mich zum Schaffen und zum Aufbau dieser Geschichte inspiriert hat, wäre es nicht einmal entscheidend, wer die Helden sind – Sophia, der Fotograf oder der Journalist. Wichtig sind hier die Ereignisse in Talish. Diese drei Geschichten kreisen um Talish. Solche Beispiele gibt es weltweit viele. Und dies ist nicht der erste Film, der direkt von einem Artikel, einem Ereignis oder einer kriminalistischen Geschichte inspiriert wurde. Was mich daran interessiert hat, war nicht, dass die Filmfigur Robert Sternvall sich das Werk eines anderen angeeignet hat – so etwas erleben wir im Leben oft –, sondern die Tatsache, dass er, wenn er nicht geschwiegen hätte, vielleicht ein Leben hätte retten können. Können Sie sich vorstellen, wie viele Menschen auf dieser Welt über Arzach schweigen und sich nicht einmal bemühen, Leben zu retten? Wenn der Fotograf nicht geschwiegen hätte, hätte er vielleicht Edgar Martirosyan retten können. Es geht nicht um Aneignung, sondern darum, dass Schweigen zu einem Verbrechen wird. Und wie viele Menschen schweigen heute über Arzach. Das hat mich bewegt, und das habe ich in den Film eingebracht. Nicht die Aneignung ist das Thema, sondern das verbrecherische Schweigen.“

Auf die Besorgnis eines Besuchers, ob die Rolle des deutschen Schauspielers provokativ sei und das Selbstverständnis der Deutschen verletzen könne, antwortete der Regisseur:

„Schweigen ist ein Verbrechen, aber trotzdem liebe ich meinen Helden, von dem ich erzähle. Ich möchte nicht sagen mit göttlicher Liebe, denn ich selbst stehe weit darunter, aber ich liebe ihn so sehr, dass ich ihn nach einem solchen Verbrechen zurückführe, damit er versucht, sein Vergehen zu erkennen und zu korrigieren. Warum liebe ich ihn? Wer macht keine Fehler? Aber wie viele finden die Kraft, umzukehren? Er kehrt zwar zurück, aber es ist bereits zu spät. Die Zeit hat ihre Arbeit getan. Nur sehr wenige haben die Kraft, ihre Fehler zu prüfen und sie zu korrigieren. Doch mein Held ist trotz seiner Schuld eine der positiven Figuren.“

Jivan Avetisyan sprach auch über seine drei vorherigen Filme, über die Dreharbeiten zu dem Spielfilm „Angels 2020“, über seine zukünftigen Projekte und über Schwierigkeiten – insbesondere finanzielle Engpässe und die Suche nach Sponsoren.

Er erklärte:

„Wir versuchen, unsere Ideen auf dem Weltmarkt des Films umzusetzen. Durch die Zusammenarbeit mit Produzenten aus verschiedenen Ländern versuchen wir, gemeinsam Filme zu schaffen. Sie beteiligen sich sowohl finanziell als auch kreativ. So hat insbesondere der Film Gate to Heaven einen deutschen Koproduzenten – Marco Gilles. Der armenische Anteil am Budget dieses Films betrug 43 Prozent. Das ist natürlich der größte Anteil, weil die armenische Seite am stärksten an diesem Film interessiert ist. Doch der Anteil des armenischen Staates an diesem Film überstieg nicht 5 bis 6 Prozent.“

Eine weitere Frage aus dem Publikum betraf die Schwierigkeiten der Kommunikation zwischen einem multinationalen Filmteam in verschiedenen Sprachen.

Darauf antwortete Avetisyan:

„Ich werde Sie zu den Dreharbeiten meines nächsten Films einladen, damit Sie diesen Prozess persönlich erleben können. Das lässt sich nicht einfach erzählen. Ich arbeite lange mit meinen Schauspielern. Obwohl wir zum ersten Mal mit deutschen Schauspielern gearbeitet haben, wird es nicht das letzte Mal sein. In einem kommenden Film wird der deutsche Schauspieler Heino Ferch mitwirken. Unsere Kommunikationssprache ist Englisch, auch wenn mein Englisch nicht perfekt ist. Aber man muss sehen, wie schön diese Beziehung zwischen Schauspieler und Regisseur funktioniert. Natürlich gibt es Dolmetscher und andere Helfer, aber diese Zusammenarbeit gelingt, weil wir unsere Arbeit lieben. Bisher hatten wir Schauspieler aus Griechenland, Iran, Litauen, Deutschland, den USA, der Schweiz und Frankreich. Wir versuchen, bekannte Persönlichkeiten zu finden und einzubeziehen, die unsere Filme sowohl materiell unterstützen als auch ihr Talent in diese Produktionen einbringen können.“

Der Regisseur ergänzte, dass seine zukünftigen Filme andere Themen behandeln werden, die die Armenier bewegen. Eines der Projekte beschäftigt sich mit dem Leben der ersten Botschafterin der Republik Armenien in Japan, ein anderer Animationsfilm – nach einem Drehbuch von Jivan Avetisyan – wird die Geschichte von Hayk und Bel erzählen.

 

Mikael Minasyan, Berlin